VIELLEICHT

Sehe ich am Horizont schwere eiskalte Wolken heraufsteigen, denke ich unwillkürlich an das Schicksal ruheloser und passionierter Menschen. Ihnen werden mehr Sorgen als Freuden zuteil. Ihr Leben ist ein ununterbrochenes Hürdenrennen voll seelischer und geistiger Überspanntheit, die man heute so gern mit dem Fremdwort Stress bezeichnet. Aber die Rastlosen sind Bahnbrecher und Neuerer, und gerade dieser Umstand gewährleistet ihnen hohe Widerstandsfähigkeit. Sie bevorzugen dem sichergestellten, auf Biegsamkeit und Toleranz aufgebauten Glück das kummervolle und oftmals tragische Glück der Besessenheit.

Vor dem Eingang in den Stadtpark steht auf einem niedrigen Sockel Wladimir Majakowski. Er steht breitbeinig da und schaut ernsthaft und angestrengt in die Ferne. Es ist bitterkalt. Umhüllt von grauen  Frostdampfwolken, flitzen Personenwagen und Autobusse vorbei. Eingemummte Menschen eilen zu den Haltestellen und drängen sich in den warmen Transport.

Er aber steht da in seiner weißgrauen Tracht, die Jacke weit aufgeknöpft – man sieht den schrägkarierten Pullover und die breite Halsbinde; die linke Hand tief in der Hosentasche, in der Rechten das unabwendbare Notizbuch. Das Haar, die Schultern, die Brust – alles ist mit Schnee bedeckt. Er aber friert nicht. Er ist ein Denkmal. Unbeweglich, groß und schwer. Und er fühlt sich wohl in unserer am steilen Irtyschufer gelegenen „habichtsartigen“ Steppenstadt, in der er zuvor nie gewesen war.

Gehe ich abends von der Arbeit nach Hause, so komme ich vorbei und verweile unbedingt für einen Augenblick bei Wladimir Majakowski. Und jedesmal scheint mir: Er lebt ,er denkt. Er arbeitet rastlos, und sieht alles, merkt sich alles und schreibt unsere Cegenwartsgeschichte weiter, wie er sie früher geschrieben hat – mit seinem Herzen und mit einem kurzen Bleistiftstummel.

Vielleicht poltert er zu dieser Stunde durch die Straßen Moskaus, wie früher „hübsch und zweiundzwanzigjährig“, der ruhm- neid- und klatschumwehte „Agitator, Schreihals und Anführer“, ein von unauslöschlichem innerem Feuer aufgepeitschter, liebreicher, bescheidener Genosse – der geniale Dichter Wladimir Majakowski.

Vielleicht lässt er sich wie früher nasführen von langbeinigen und zimperlichen Schönheiten, der gegen ihren Scharm so wehrlose Riese.

Vielleicht arbeitet er wieder an einem Parabelstück, das die „Misterijabuff“ oder die „Banja“ weit übertrifft an Meisterschaft und Bissigkeit, oder er produziert, wacker ausschreitend und mit dem allbekannten Spazierstock den Takt abklopfend., neue Reime und Rhythmen für ein schwungvolles programmatisches Gedicht, oder es tönt und rumort in seinem Herzen ein noch viel mächtigeres Hohenlied auf Wladimir Iljitsch Lenin.

Vielleicht…

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